vier sind mal welt

WELTREISE ALS FAMILIE – UND DANACH?

Endlich wächst wieder was. Zaghaft aber langsam keimt die Hoffnung auf Frühling. Und da ich gerade viele Gartenbücher lese, habe ich auch gelernt, dass es nicht nicht nur den Frühling gibt, sondern einen Vorfrühling, einen Vollfrühling und einen Spätfrühling oder so ähnlich, auf jeden Fall mehrere Frühlings (Frühlinge?). Ein Buch, das sich für mich gerade ein bisschen anfühlt wie der erste Kaffee am Morgen oder die Mousse au chocolat zum Dessert ist das neue Buch von Meike Winnemuth „Bin im Garten“. Sie hat sich vor ein paar Jahren ähnlich wie ich einen Garten an der Ostsee gekauft, bzw. ein kleines Haus mit großem Garten drumherum. Dieses Buch ist mein Snack zwischendurch, das Buch für de Hängematte oder am Abend der Amuse Geule vor dem Roman.

 

Und wenn mich der ganz heftige Gartenvirus packt, dann greife ich zu Special-Interst Gartenbüchern aus der Bücherhalle. Mittlerweile gibt es sogar Bücher zum Thema „Achtsamkeit beim Asternpflanzen“ (oder so ähnlich). Meine Nummer eins ist jedoch derzeit ein Buch über den korrekten Pflanzenbeschnitt. Denn bei uns im Garten gibt es viel zu beschneiden, nicht nur die Hecke, sondern vor allem die vielen Sträucher und Obstbäume. Und natürlich die Rosen. Und die Pflanzen in meinem japanischen Garten…der noch immer nicht fertig ist, aber dazu hole ich mir das nächste Mal eine weiterführende Lektüre. Genauso möchte ich eine kleine Wildblumenwiese anlegen, um die Bienen anzulocken. Beim wöchentlichen Stöbern in der Bücherhalle bin ich erneut über meine Buch gestolpert, es stand wie schon einige Mal zuvor wieder in dem Regal direkt am Eingang mit den aktuellen Empfehlungen.

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Die Leiterin der Bücherhalle fragte mich nach meinem Befinden und als ich sagte, dass ich gerade ein Buch vorbereite (bzw. meine Agentur) über einen längerem Auslandsaufenthalt zusammen mit den Mädchen, meinte sie: „Prima, dann würden wir uns sehr freuen, wenn Sie danach hier wieder lesen würden, Sie sind jetzt schon eingeladen!“

Ich stelle mir gerade vor, wie ein Redakteur sagt, weil Filme von einem auf Festivals gezeigt werden sollen wie gerade bei mir der Fall  „toll, das freut mich sehr, wirklich verdient“ oder ähnliches.  Meistens erfahre ich nicht durch die Redaktion selbst, dass sie meinen Film ausgewählt haben sondern durch eine kurze Mail, dass ich bitte meine Vita, mein Portrait oder die Filmografie schicken soll. Oder von Protagonisten selbst, in diesem Fall einem Franzosen, zu dem ich immer noch Kontakt habe, der mir nicht nur mitgeteilt hat dass mein Film über einen Fluss in Albanien in Südfrankreich auf einem Festival läuft, sondern mich zu diesem Anlass auch gleich eingeladen hat, für ein paar Tage seine Heimat in Südfrankreich zu besuchen. Das passt ganz gut, denn eine meiner Ziele großes Ziel ist, sobald die Mädchen größer sind, pro Jahr ein halbes Jahr in Deutschland und die andere Hälfte des Jahres in Südfrankreich zu leben. Ich arbeite zusammen mit Freunden fleissig daran…Ich bin auf ganz gutem Weg, denn auch der Nachwuchs ist allmählich nicht nur mit dem Neuseeland-, sondern auch mit dem Frankreich-Virus infiziert. Antonia lernt Französisch und es fällt ihr glücklicherweise sehr leicht und wir hatten für acht Tage Frankreich bei uns zu Hause, genau genommen, Lalie, eine schüchterne, sehr sympathische Französin aus der Nähe von Rouen, die für uns wie eine dritte Tochter war. Da sie noch schlechter Deutsch als Englisch sprach, und Englisch sprach sie gar nicht, waren Antonias Französischkenntnisse gefordert. Und wenn gar nichts mehr ging, hieß es: „Maaaa-maaaa!“ Ich freute mich sehr, war natürlich in meinem Element, juhu, endlich wieder Französisch sprechen dürfen! Lalie hat uns aus ihrer Heimat Delikatessen hier gelassen nebst selbst genähtem Kissen, die eine Seite französisch, die andere deutsch. Die Latte liegt also hoch, wenn Antonia im Juni nach Rouen zu Lalies Familie fährt…

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Auf der fête d’adieu am Abschiedsabend sahen die Eltern um Jahre gealtert aus. Es war schön und eine unvergessliche wertvolle Erfahrung, die keiner von uns missen möchte, da waren sich alle Beteiligten einig, aber es war auch sehr nunja, herausfordernd hier und dort. Wir hatten das Glück, weil Lalie einen guten Appetit hatte und sich sogar nachts noch riesen Portionen reingezogen hatte (Omelette) oder Hühnerfrikassee und sich wunderte, dass wir zum Frühstück am Wochenende Käse essen, das fand sie sehr bizarr so wie einiges andere in Deutschland auch. Andere Sprösslinge aßen jedoch gar nichts, mochten das deutsche Essen irgendwie nicht. Das führte dazu, dass ein Vater abends aus lauter Verzweiflung Pfannkuchen machte, damit das Kind sich heimisch fühlte. Vergebens. Es folgten Telefonate zwischen den Eltern: „Isst Deiner? Meiner nicht.“ Oder: „Unsere spricht nicht und verlässt ihr Zimmer nicht. Was soll ich tun?“ oder: „Meine hat einen Stapel Wäsche ins Bad gelegt, soll ich die waschen oder ist das zu intim?“ Andere waren verzweifelt (die Eltern), weil das Kind schon morgens mit Handy am Tisch saß und Netflix glotzte. Abends das gleiche Bild. Da holte Papa seine Gitarre raus und Mama die Bastelsachen, um das Kind irgendwie abzulenken…andere Eltern mussten ungeduscht zur Arbeit weil der junge Monsieur das Bad so lange besetzte. Oder aber – und das war dann die eigentliche Herausforderung – die heimische Toilette. Bei uns gab es auf französischer Seite Liebeskummer und mehrere Franzosen und Deutsche, die plötzlich zum Abendessen vor der Tür standen um gemeinsam zu trösten, am anderen Tag Kummer aus französisch-familiären Gründen. Und innige Umarmungen. Viele bises und bisous, viele Tränen der Freude und Verzweiflung, aber mindestens genauso viel Lachen, intensive Momente, neue Freundschaften und französische Lieder, die von unseren Kindern gesungen wurden als ihre Gäste morgens abfuhren und mittels ihrer Handy-Taschenlampen zurück winkten…

Trotz Netflix und Co wird in meinem Freundeskreis immer mehr und häufiger gelesen. Vielleicht liegt das am Alter, vielleicht an der dunklen Jahreszeit (schnell noch ein paar Bücher lesen, die Tage werden wieder heller und länger!), vielleicht daran, dass es so gut tut, sich in eine Geschichte voll und ganz zu vertiefen. Ein Buch das mich umgehauen hat wegen der radikalen Sprache und der Figurenbeschreibungen, das ich kaum aus der Hand legen konnte, kommt, ja ja, aus Frankreich. Dort ist es schon lange Kult und hierzulande haben die drei Bände ebenfalls sehr eingeschlagen. Ich habe erst den ersten Band gelesen und freue mich nun sehr auf den zweiten, auch wenn die Geschichte brutal und frustrierend ist, sehr direkt und einen ziemlich mitnimmt. Es ist das Buch der Französin Virginie Despentes „Das Leben des Vernon Subutex“. Es wurde mir von zwei Freunden empfohlen, ich habe es gekauft und war sofort süchtig. Davor hatte ich ein Buch gelesen, das ebenfalls in Frankreich aber auch in Deutschland währen des zweiten Weltkriegs spielt, sehr anders vom Tenor, zwar ebenfalls traurig, aber nicht radikal in der wörtlichen Sprache (den „O-Tönen“, wie man in Film-Dokumentationen sagt), sondern sehr ausführlich innere Zustände beschreibend und so spannend von den Entwicklungen, dass ich es ebenfalls nicht aus der Hand legen konnte. Nur an einer Stelle war ich so geschockt, so wütend, dass ich das Buch erstmal zur Seite gelegt hatte und nicht mehr weiterlesen wollte. Hab ich dann glücklicherweise doch gemacht, es hat sich gelohnt, Zeile für Zeile. („Anthony Doerr, „Alles Licht, das wir nicht sehen“). Und noch ein – wie ich finde – sehr zärtliches, und zugleich extrem trauriges Buch, das aber einen Hoffnungsschimmer bereithält, das ich genossen habe wie eine gute Schokolade, jeden Tag einen kleinen Bissen, jeder Satz ein Treffer, das Buch über einen jungen Mann bzw. einen Jugendlichen in Norwegen von Per Petterson „Ist schon in Ordnung.“ Eine echte Perle, dieses Buch, eines das ich niemals verkaufen oder verschenken würde, weil es wertvoll ist und weil ich hoffe, dass die Mädchen es vielleicht eines Tages lesen. Antonia liest so viel, dass ich auch in dieser Hinsicht sehr dankbar für die Bücherhalle bin und dafür, wenn eine Autorin oder ein Autor sich überlegt hat, dass die Geschichte mindestens 800 Seiten und zehn Bände haben muss.

 

Und ab morgen ist er da, der Frühling. Er hatte sich ja schon kurz gezeigt, aber nun soll es wohl richtig losgehen, herrlich, also raus in den Garten, Spaten raus, Löcher buddeln, Samen sähen, und dem ersten zarten Grün der Pflanzen bei der jedesmal wieder erstaunlichen Rückkehr an die Oberfläche, ans Licht zusehen, zwischendurch Hängematte zwischen die Obstbäume und lesen wo Meike Winnemuth in ihrem Garten so buddelt, um sich anschließend zu überlegen, was man selbst noch in das Gemüsebeet sähen könnte…

 

 

 

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