vier sind mal welt

WELTREISE ALS FAMILIE – UND DANACH?

Bevor der Urlaub überhaupt begonnen hat, muss man meistens weitreichende, für manche gar nervenaufreibende Entscheidungen treffen: Meer oder Berge, Haus, Hostel oder Zelt? Norden oder Süden – oder vielleicht doch lieber in östlicher Richtung? Wenn das Ziel so einigermaßen geklärt ist, die Richtung klar, geht es um die Frage, wie man die Destination denn erreicht. Für mich stand dieses Jahr fest, dass ich der Umwelt zuliebe aufs Fliegen verzichten wollte. Wir waren bereits in den Frühjahrsferien per Nachtzug in die Alpen gefahren und es war großartig, eine Reise von Anfang an.

Das Ziel des diesjährigen Sommerurlaubs stand irgendwann fest: Ich wollte mit den Mädchen nach Prag fahren, zu meiner langjährigen Freundin nebst Familie und Hund. Wir wollten gemeinsam aufs Land fahren und mieteten uns ein Haus mit großem Garten eine gute Stunde von Prag entfernt. Hier sind wir jetzt, in einem für mich unaussprechlichen, idyllischen kleinen Ort, in dem man Geschichten aus Bullerbü spielen lassen könnte, in einem Haus auf einem Hügel unterhalb einer alten Burg mit einem Blick weit über das Tal.

Wir machen Fahrradtouren zum nahegelegenen See. Das klingt einfacher als es ist, denn nicht umsonst kann man sich hier ausschließlich Mountainbikes ausleihen. Die Wege führen oft mitten durch den Wald, über Baumwurzeln, Sandfurchen und Geröll. Und wenn man mit großem Elan steile Wald-und Feldwege runterholpert und hopst, die Bremse immer bis zum Anschlag gedrückt, ahnt man bereits, das man jeden Berg, den man laut juchzend runtergesaust ist, später im ersten Gang wird schwitzend und stöhnend wieder raufächtzen müssen. Auf dem Hinweg wissen wir zumindest, dass der See uns belohnen wird und die gigantische Wasserrutsche, und eine der leckeren tschechischen hausgemachten Limonaden. Auf dem Rückweg haben alle hochrote Köpfe,  weil unser Örtchen auf einer Anhöhe liegt und es steil bergauf geht, sind aber stolz wie Oscar, alle Etappen geschafft zu haben. Für Helen waren diese Mountainbiketouren zunächst eine echte Herausforderung, denn sie kennt weder derartige Strecken noch diese Art der Schaltung und Bremsen. Doch mittlerweile tut die Benutzung der Handbremsen nicht mehr weh und sie rast und bremst genauso gern wie die Großen.

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Auf dem Weg nach Prag legten wir noch einen mehrtätigen Stopp in Berlin ein, um Familie und diverse Freunde  zu besuchen. Und die Filmstudios von Babelsberg, die mich ein bisschen an Disneyland erinnern, mit 4D Kino, Stuntshow, und Dracula, der einen aus dem Sarg anspringt, aber ok, it’s entertainment… https://www.filmpark-babelsberg.de

Als ich bei der Planung des Urlaubs auf die Karte blickte, dachte ich, wenn wir schon im Osten Deutschlands unterwegs sind, könnten wir doch auch noch kurz in Weimar halten und Goethe und Schiller einen Besuch abstatten – und einen klitzekleinen Sprung zum Bauhausmuseum machen. Gedacht, gebucht. Zweieinhalb Tage Kultur und Kunst: Goethes pompöses Wohnhaus nebst originaler Kutsche, mit der er gefahren wurde und herrlichem Garten inclusive eigenem Weinstock und Sauf-und Raufgeschichten. Ein wilder Mann, zumindest der junge Goethe. https://www.weimarhaus.de/goethe-haus-weimar.php

Danach zogen wir ein paar Häuser weiter in die direkte Nachbarschaft, zum Wohnhaus seines besten Kumpels Schiller (das uns fast noch mehr beeindruckte, denn im Gegensatz zu Goethe hatte Schiller die interessantere Biografie, finde ich, der mit 21 Jahren seine Heimat verlassen musste um schreiben zu dürfen und sich quasi als Exil-Ostdeutscher in Weimar niederließ, der aus diesem Grund seine eigene Familie 11 Jahre (!) nicht sehen durfte und ein Trauma davontrug, weswegen er sich nichts sehnlicher wünschte als eine eigene Familie zu gründen; der wenig verdiente trotz großen Erfolgs bereits zu Lebzeiten, Haushaltsbücher führte mit seinen Ausgaben, und der seine Kinder wohl sehr liebevoll erzog, ohne Schläge, wie es sonst zu jener Zeit noch üblich war und ihnen ein eigenes Zimmer und Spielsachen gewährte, was ebenfalls sehr modern war für die damalige Zeit. Beeindruckend. Sympathisch, und es war, als würde Schiller persönlich gleich um die Ecke kommen, mit seinen Kindern durch die Räume toben. https://www.weimarhaus.de/schiller-museum-weimar.php

Wir liefen mit Audio-Guides durch die Zimmer (Helen hatte in beiden Häusern einen Guide extra für Kinder, in Goethes Haus war Goethes Sohn die Erzählstimme, die von seinem Vater berichtete), wir bestaunen die original Spielsachen von Schillers Kindern, die man erst vor einigen Jahren in einer Kiste entdeckt hatte, seinen Original-Schreibtisch und Briefbeschwerer und die Weingläser aus denen er getrunken hatte, denn wie Goethe süffelte auch er sehr gerne (und viel) Wein. Allein für diese beiden Wohnhäuser und Geschichten lohnt sich Weimar. Und für Kinder sind beide Häuser kostenfrei!

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Nach der Klassik machten wir einen Sprung von fast hundert Jahren und gingen nahtlos  zum Bauhaus über, ins neue Bauhausmuseum von Weimar. Es macht großen Spaß, sich durch die vielen, spannend angeordneten Ausstellungsstücke zu tasten, zu hören und sie zu betrachten. Möbel, Musik, Filme, Haushaltsgeräte und Geschirr aus der Zeit, und dann entdeckten wir noch Modelle, architektonische Nachbauten des Vaters von Helens Freundin, der Modellbauer ist und viel für das Museum gearbeitet hatte. https://www.klassik-stiftung.de/bauhaus-museum-weimar/

Nach der sehr lebendigen Kunst-und Studentenstadt Weimar gings dann weiter per Zug entlang der Moldau Richtung Prag.  Plötzlich verstanden wir nur noch „Ahoi“ („Hallo“). Da meine Freundin seit fast zwanzig Jahren mit ihrer Familie in Prag lebt, kein Problem. Die Hitze hat mittlerweile etwas nachgelassen, und die Fahrräder warten auf ihren Einsatz, vorher gibts noch einen Palatschinken (Pfannkuchen) zur Stärkung…

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P.S. Bei so viel Kultur noch ein link in eigener Sache: Zu meinem Ballettfilm, der mit Eurer Hilfe, über crowdfunding finanziert werden könnte. Es geht um Profi-Balletttänzer, die ihre Bühnenkarriere beenden.

https://www.startnext.com/der-naechste-schritt

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Der Himmel so blau, dass es schon fast unverschämt ist. Zumindest, wenn man aus Hamburg kommt. Die Brise so leicht, so zart, dass man still in sich hinein seufzt. Der norddeutsche Wind, der einem täglich die Blumentöpfe vom Balkon weht und die Haare ins Gesicht, ist ganz weit weg.  Ich bin mal wieder in Südfrankreich, halb privat, halb beruflich, denn im Drome Tal wird am Freitag einer meiner Filme für Arte Re und Eco- Media auf einem Festival gezeigt: https://www.festival-lesyeuxdansleau.fr

Und da ich nie nein sagen kann, wenn Franzosen mich einladen (zu einem Apéro, einem 3,4,5 oder 14-Gänge Menu oder eben als Gast auf einem Filmfest), habe ich spontan einen Flug gebucht und bin nun hier. Zurück in meiner heimlichen Heimat. Denn sobald ich aus dem Flieger in Marseille steige, atme ich auf. Das Kerosin nehme ich gar nicht wahr, stattdessen nur noch: provenzalische Kräuter (sogar am Marseiller Flughafen! es riecht sofort – nach Provence…), höre die Sprache, bei der ich trotz weniger Stunden Schlaf zuvor hellwach bin und fühle ich wie ein Fisch im Wasser. Zu Hause. Angekommen.

 

Ich glaube ja nicht an Wiedergeburt, aber sehr oft und immer öfter denke ich: Hier hast Du schonmal gelebt, in Südfrankreich, das ist Deine eigentliche Heimat. Marseille habe ich neben meinen anderen kleineren Ortsfavoriten inzwischen sehr ins Herz geschlossen, diese ruppige, widerspenstige, harte, aber auch sehr ehrliche, liebenswerte und immer wieder spannende Stadt.

https://taz.de/Marseille-baut-um/!5499271/

Ich wohne im „Panier“, dem Gassen-und Künstlerviertel, das mittlerweile so hip ist, dass sich tagsüber Touristen grüppchenweise die Treppen hochschleppen und man mittlerweile überall Graffities sieht mit Unmutsbekundungen:

Kann ich verstehen, es ist zwar noch lange nicht, nicht mal ansatzweise, so touristisch und überfüllt wie die Schanze in Hamburg, weit davon entfernt, aber die Einwohner, die auf der Treppe vor ihrem Haus morgens ihren Kaffee trinken oder auf einem Hocker vor ihrer Galerie, staunen – und schütteln innerlich den Kopf, so scheints, über die Menschen mt Rucksäcken, Smartphones griffbereit für Fotos und Selfiesticks, die durch ihr gemütliches Viertel ziehen. Ich bin natürlich eine davon. Zwar nicht als Gruppe und ohne Selfiestick, aber eine davon, die umherstreift und glotzt. Bin ich deshalb besser, nur weil ich alleine bin? Nein. Natürlich nicht. Witzigerweise werde ich jedoch immer wieder angesprochen. Auf Französisch gegrüßt und nach dem Weg gefragt. Von schwitzenden und schon leicht verzweifelten Handwerkern, die ein Atelier im Viertel suchen, von französischen Familien mit Kindern, die einen bestimmten Laden suchen, und von Inhabern eines Geschäfts, die mich auf mein Kleid ansprechen. Und jedesmal denke ich: das ist ein Zeichen. Ich werde später in Südfrankreich leben, schon lange mein Plan, und je öfter ich hier bin, umso mehr weiß ich, dass es so sein wird. Kann man denn zwei Heimaten haben? Ja, kann man. Eine biografische. In meinem Fall Hamburg. Und eine Heimat des Herzens. Der Seele. Südfrankreich. Klingt kitschig, ist aber genauso. Meine Seelenheimat ist Südfrankreich. Schon immer gewesen. Die Sprache. Dieses Singen des Südfranzösischen. Ich habe zwei Jahre in Paris gelebt, dort spricht man hart, sehr hart. Und schnell. Das mag ich auch, aber die Südfranzosen singen und hängen an viele Wörter noch einen Vokal dran. Meine Welt. Meine Seele. Mein Leben. Hier. Noch nicht, aber später.

 

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Ich wohne neben Michel, einem „Marseillais“, der im Art Deka-Stil zusammen mit anderen Künstlern in einem Hinterhof in einem Haus aus dem 18. Jahrhundert lebt. Morgens und abends kommt mich immer eine Katze besuchen, und ansonsten ist es ganz ruhig, nur dienKirche nebenan glöckelt regelmäßig laut und lieblich, mit einer erträglichen Melodie.

 

Doch was wäre Marseille ohne die Küste. Ganz vornan die Côte Bleue! Mit dem Zug kann man diese steile Felslandscat abfahren und aussteigen, wenn man Lust hat.

https://www.arte.tv/de/videos/074549-000-A/mit-dem-zug-entlang/

Ich bin in meine Lieblingsbucht gefahren, in der Helen vor ein paar Jahren schwimmen gelernt hat und in der das Wasser so türkis und glasklar ist, dass es fast unwirklich erscheint. Wenn man aussteigt aus dem Zug, muss man erst einmal über die Gleise treten, um dann einen steilen Weg runterlaufen bis zur Bucht. Die Zikaden zirpen laut es duftet nach Rosmarin und Thymian, nach Jasmin und Kiefern. Auf de Weg zur Bucht kommt man an hübschen kleinen Häusern vorbei, an zwei Restaurants und einer epicerie, die genau das verkauft, was das Herz für einen Ausflug in die Bucht begehrt: Pizza mit Sardellen, Quiche lorraine, Salade Nicoise, Aprikosen so groß wie Äpfel, dunkle Kirschen, Wassermelone, Luftmatratzen und Getränke. Und dann ist man da. Springt mit anderen Franzosen von den Felsen ins Meer oder lässt sich reinreiten, unterhält sich über den Hund („er ist schon alt, aber er liebt das Wasser – hat seit seiner OP eine Schraube im Fuß, weil er kürzlich unglücklich vom Felsen ins Wasser gerutscht ist. le pauvre…“ -„Können Sie mir Ihre Sonnencreme ausleihen? Ich hab meine vergessen und ich würde mich so gerne auf einen Felsen legen“ usw.) und lässt den Tag Tag sein, die Stunde Stunde und das Leben das Leben.

 

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Hoch oben, auf einem Aquädukt, rollt irgendwann wieder ein Zug weiter Richtung Westen. Ich schwimme auf dem Rücken im türkis farbenen Wasser, das so klar ist, dass man auch in größerer Tiefe bis auf den Grund blicken kann, und der Himmel strahlt in unverschämtem Blau, gegenüber, nur ein paar Kilometer entfernt und doch gefühlt ganz weit weg –  die Silhouette von Marseille. Und la vie est bleue.

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