vier sind mal welt

WELTREISE ALS FAMILIE – UND DANACH?

IMG_3623Genau hier haben wir gestanden. Vor dem Thron der Queen, Antonia, Helen und ich.  Einen Knicks mussten wir glücklicherweise nicht machen, denn Elisabeth war gerade mit ihren Corgis und/oder ihrem Mann auf einem ihrer Landsitze in Wales oder Schottland, sie war jedenfalls nicht zu Hause. Und hat sich anscheinend gesagt: so wird jedenfalls immer gelüftet, wenn Gäste da sind, und vielleicht hat jemand Lust, auf dem Klavier von Mozart zu spielen? Kurz, wir waren bei ihr zu Hause, im Buckingham Palast, und wir haben jede einzelne Vase in neunzehn der knapp 200 Räume der englischen Königsfamilie bestaunt, auch einen Schreibtisch der Queen mit Geheimfächern sowie Kronleuchter, von denen einer so viel kostet wie eine Vierzimmerwohnung im Eimsbüttel.  Wir haben den Speisesaal gesehen, in dem schon Barack Obama seine Suppe mit der Queen gelöffelt hat, den Ballsaal, die Empfangshalle (von der ein Treppenlift abging – ich fragte mich, wer diesen wohl nutzte – die Queen selbst? Oder doch eher ihr Gemahl?), den White Room, in dem die Königin ihre sehr privaten Gäste empfängt, vielleicht ihre Enkelkinder oder doch eher den Gärtner,  und eine Art Wohnzimmer mit einem Tisch, an dem schon Napoleon gesessen hatte. Helen atmete immer wieder tief ein und meinte, jetzt habe sie auch königliche Atmosphäre in ihrem Körper und Antonia rief immer nur: „Das glaube ich nicht, dass ich jetzt wirklich hier bin, in einem Palast, in dem die Queen wohnt und William und Harry ein und aus gehen!“ – Gut, hier und da hätte ich mich etwas anders eingerichtet, vielleicht einen Samtsessel raus und stattdessen, sagen wir, ein paar Loungesessel rein, Platz ist ja da… Die Bediensteten brauchen an die fünf Minuten, um eine Speise von der Küche zum Speisezimmer zu tragen, weil der Weg so weit ist, vielleicht serviert man im Buckingham Palast ausschließlich Kaltspeisen?). Was noch auffiel: in keinem der Räume steht ein Billy-Regal. – Im Anschluss durften wir noch in den Palastgarten, wo die Queen jeden Sommer feste feiert, und durch die Parkanlagen (selbst der königliche Rasen litt unter der Hitze, er war fast genauso braun wie der Rasen unserer Datsche) – irgendwann fanden wir schließlich zurück ins Londoner Getümmel.

IMG_3520Der Besuch bei der Queen war ein Highlight von unserem London-Tripp, doch auch schon die Anfahrt nach London war ein Erlebnis. Wir sind von Frankreich aus von Caen auf eine Art Kreuzfahrtschiff gestiegen, mit Kabinen und mehreren Decks, mit einer Bühne und drei Restaurants und waren absolut entzückt. Ich hab mich in mein maritimes Outfit aus Frankreich geschmissen und die Nase in den Wind gehalten. Knapp fünf Stunden später tauchte Englands Küste auf und kurz darauf standen wir mitten in Nottinghill in unserem kleinen Hotel am Holland Park (an dem Kenneth Branagh wohnen soll, ich habe ihn beim morgendlichen Joggen aber nicht gesehen…). Wir stöberte uns auf den Spuren des Films durch die Portobello Road, ließen keinen Laden aus, kauften ein Pfund Himbeeren zu einem Spottpreis und stopften sie uns im Gehen in den Mund, setzen Hüte auf und Masken und machten all das, was „Mädchen“ eben gerne tun (und Jungs manchmal auch). Und natürlich durfte die „blaue Tür“ aus dem Film („Nottinhgill“) nicht fehlen und der Film selbst, den haben wir gleich nach der Rückkehr noch einmal gesehen und immer wieder: „Da waren wir! Kennen wir!“ gerufen.

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Was uns in London auffiel: Man hält kurz an, um vielleicht die Sonnenbrille zurecht zu rücken oder ein Taschentuch zu suchen und schon wird man gefragt, ob man Hilfe braucht. Wenn man einen Stadtplan in der Hand hält oder stirnrunzelnd aufs Handy schaut, bilden sich Menschenmassen um einen herum, die helfen wollen. (Ok, etwas übertrieben, aber…). Also, der Londoner an sich ist ein unglaublich fürsorgliches, charmantes und schelmisch-sympathisches Wesen. Ich bin ja Paris-infiziert, und auch dort wurde uns geholfen, bien sur, aber ich gebe zu, der Pariser kann recht ruppig sein, wenn man sich in den Metro-Gängen nicht dem Stechschritt des Stroms hingibt sondern aus Versehen etwas unschlüssig herumwabert. Der Londoner dagegen – ganz Gentleman, selbst wenn er 2 Pfund Sitzgebühr für einen Stuhl im Hyde Park einsammeln möchte, und wenn man dort irgendwo sitzen möchte, muss man zahlen. Das allerdings kenne ich nicht von Paris (das auch nicht gerade Oer-Erkenschwieck preismäßig auf einer Welle liegt) und dachte in dem Moment mit Wehmut an meine geliebten grünen Stühle im Jardin de Luxembourg, wo sogar die bequemeren, die nach weiter nach hinten geneigten, nichts kosten. Die Preise in London schluckten wir lässig weg, denn die Stadt machte es einem leicht, sie zu lieben.

In Camden schlenderten wir am Wasser entlang, vorbei an jungen Typen, die auf ihren Hausbooten Ukulele spielten oder auf ihren Booten Gitarre, ich aß meinen ersten „Vegan-Burger“, serviert von hippen Youngstern, die ich sofort für einen Film gecastet hätte und wir ließen uns durch den Strom der Stadt treiben. Und dann sahen wir, wie vor unseren Augen ein Mann seine Frau erwürgte. Uns stockte der Atem. So lange, bis  irgendjemand etwas rief, die Frau wieder aufstand, sich kurz schüttelte und an die Rampe trat. Wir haben spontan das „Globe“-Theatre besucht, denn dort fand gerade eine Probe von „Othello“ statt. Mein Lieblingsstück von Shakespeare! Das war eine geschenkte Tüte Glück im Vorbeigehen. Helen, die sich sehr für Geschichte interessiert (und für Krimis und düstere Geschichten), war total fasziniert. Dass die Menschen damals im Theater rohen Knoblauch kauten und dementsprechend rochen und dass Männer Frauenrollen spielten, ach und die Kostüme, die guckten wir uns auch noch an und London damals…spannend. Trotz der Hitze (das Globe theatre hat kein Dach, damals nicht und heute auch nicht, es ist – zwar etwas versetzt – aber originalgetreu aufgebaut).

Auch die Toiletten hatten einiges zu bieten in London: Botschaften an die Nachwelt. Oft gesehen, aber immer wieder schön, hier in einem Jazzclub bei Carnegie.

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IMG_3525Thanks London, dass Du uns eine so spannende und schöne Zeit beschert hast – und danke an die Hausherrin, dass sie uns in ihr Wohnzimmer gelassen hat – obwohl sie selbst verreist war. Wir kommen gerne wieder, zu einem Tee vielleicht oder einer kalten Suppe?

 

 

 

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IMG_E3009.JPGParis, ein Fest fürs Leben – was für eine fête! Beim Halbfinale waren die Mädchen und ich in Paris und haben miterlebt, wie tausende von Franzosen sangen, spontan neue Lieder kreierten und dazu auf der Straße tanzten. Und ich hatte meine eigene, ganz persönliche fête, denn nach 32 (!) Jahren habe ich meine Pariser Freunde wiedergesehen. Und die Mädels staunten wie schnell Franzosen sprechen und fragten immer: „Wer war der ohne Haare?“ Als ich ihnen Fotos zeigte, die wir am späten Abend alle noch austauschten, von dem Freund damals, staunten sie nicht schlecht. Für mich hatte er sich erstaunlicherweise gar nicht verändert, derselbe Typ, bloß ohne Haare, für die Mädchen, nunja schon. Ich habe zwei Jahre in Paris gelebt und war danach immer wieder dort, mindestens einmal im Jahr, habe gestaunt, wie die Stadt sich kontinuierlich verändert, die Szene weiterzieht, bis ich selbst schon lange nicht mehr dazu gehörte, zur Szene. Und zu Paris. Aber deshalb muss ich trotzdem nicht in Sack und Asche durchs 16. und ähnliche Arrondissements spazieren. Mais non,  la vie continue. Wir wohnten also bei einer waschechten Pariserin, die einer der Autorinnen des fast gleichnamigen Buches hätte sein können, „How to become a Parisienne“ das von der typischen Pariserin handelt und das ich mit großem Vergnügen gelesen habe. Unsere Wohnung ganz oben, über schmale Stiegen erreichbar, mit Blick über die Dächer von Belleville und die Umgebung. Die Unterkunft war genauso wie ich mir eine Wohnung einrichten würde, wenn ich in ihrem Alter wäre, um die Dreißig, voller Energie, Neugier auf die Zukunft und Lust aufs Leben. (ok, das hat sich bis heute nicht geändert, bis auf, nunja, das Alter). Filmplakate an den Wänden, kleine und große Dosen und Schalen mit Krimskrams, Fotos und Bilder, Vasen in allen Größen mit und ohne Blumen, eine Gitarre und ein an der Wand aufgehängtes Cello, unzählige Bücher über Regie und Film im Regal, darunter Bücher von Hannah Arendt und Hitchcock und Simone de Beauvoir und vielen Intellektuellen und Philosophen – viele der Bücher besitze ich selbst und hätte mich am liebsten sofort an einen Tisch gesetzt, wie früher eine Zigarette angezündet, Rotwein getrunken und mit meiner Vermieterin diskutiert….dazu französische und ein paar deutsche als auch amerikanische Filme, darunter viele aus dem Dokumentarbereich, die ich mir alle am liebsten sofort hintereinander angeschaut hätte. Die Mädchen liebten diese Wohnung genauso wie ich und als sie schliefen, setze ich mich auf den herrlichen Sessel im 60ies Stil, lehnte mich an das Hundekissen, das sich auf diesem befand und schaute in den rotumwölkten Pariser Abendhimmel und war – glücklich. Ein bisschen wie früher, wie vor dreißig Jahren. Formidable!

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Morgens joggte ich am Kanal, denn die Wohnung befand sich unweit des Canal St. Martin beim Parc de la Vilette. Ich lief vorbei an unzähligen Parisern, alt und jung, die am Ufer Tai Chi absolvierten und Badenden, die sich in der neuen Badeanstalt im Kanal erfrischten. Aufgrund der Hitze haben Antonia, Helen und ich soviel wie möglich am und auf dem Wasser gemacht und voll und ganz von „Paris plage“ profitiert. Von Liegestühlen und Rasenflächen. Kunstaktionen und – ganz herrlich – Wassersprenklern am Ufer der Seine. Mindestens genauso erfrischend war die Fahrt AUF dem Canal St Martin zum Parc de la Vilette, denn die ging durch acht Schleusen – und wir saßen vorne…

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Danach ging es per Bahn in die Normandie. Dort wartete ein Auto auf uns.

Mein „französisches“ Herz schlägt für die Provence, für die Gegend zwischen Marseille und Toulon, das wird sich auch nicht ändern, aber ich wusste gar nicht mehr, wie schön auch der Norden Frankreichs ist. Zumal bei diesem Wetter: der Himmel blaut und die Sonne sonnt, und das jeden Tag. Wir wohnen mitten auf dem Land, zwischen Honfleur und Trouville, in einem Haus, das 300 Jahre alt ist und in das wir uns sofort verliebt haben.

IMG_E3141.JPGDas Haus gehört einem französischen Paar, die ihre Farm ein paar hundert Meter entfernt haben und wir wurden mit selbst gemachter Aprikosentarte und Quittengelee begrüßt. Helen empörte sich darüber, dass die Franzosen einen sogar auf Straßenschildern zum Saufen auffordern: „Da steht schon wieder: ‚sauf…‘ (ok, ich habe sie irgendwann aufgeklärt…). Die Strände sind gigantisch breit, und an manchen ist das Wasser manchmal einfach weg. Ebbe halt. Da wir aber baden wollen, ziehen wir die Strände vor, an denen die Ebbe kaum spürbar ist.

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Fahren am Abend zum Essen oder bummeln (ja, bum-meln, Mädchen machen sowas, das heißt, man streift ohne Ziel durch einen alten Ort, durch unbekannte Gassen, an alten Fachwerkhäusern vorbei, beißt abwechselnd in eine tartelette citron oder eine aus unverschämt dunkler Schokolade, am besten beides gleichzeitig, geht wortlos und in absoluter Einvernehmung, höchstens mit Blickkontakt: klar, rein da, könnte spannend sein – in einen der kleinen Läden, schaut, nimmt in die Hand,probiert an, kichert und gleich in den nächsten…).

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Außer in Honfleur. Da ist alles etwas anders. Da sitzen wir am Wasser und speisen genüsslich ein Mehr-Gänge Menu am Abend. Weil es so einladend ist, weil der Moment nichts anderes zugelassen hat. Weil es sein musste. Und vielleicht auch, weil das Licht gerade so fantastisch war. Aber wir Drei waren uns einig: Ja, hier mussten wir bleiben. Und speisen.

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Um am nächsten Nachmittag zurückzukehren und meinen „Meister“, meine Ikone aufzusuchen. Satie! Antonia und Helen kamen stillschweigend mit, eher aus Gefälligkeit denn aus Lust. Um dann umso erstaunter zu sein. Denn Eric Satie hat sich einiges einfallen lassen, um seine Gäste in Staunen zu versetzen, zu berühren und zu amüsieren.

Mit Kopfhörern ging es durch sein Haus, vorbei an sprechenden Fotos, magisch, wie von selbst spielenden Klavieren, merkwürdigen Kreaturen, die sich plötzlich auf einen zu bewegten, Phantasiegestalten, Zimmern, die je nach Tageszeit und Laune Saties ihre Stimmung und Musik wechselten, dunklen Treppen, die ins Nichts zu führen schienen und schließlich einem Karussell, mit eigens erfundenen Instrumenten, das, sobald man sich daut einen der Medizinbälle setze und in die Pedale trat, Musik ertönen ließ. Wir lachten und staunten, und ich dachte an Eric Saties Spruch, der von sich sagte, er sei kein Komponist, ich sei ein Phonetiker, der Laute erfindet und der die Menschen zum Staunen bringen und amüsieren möchte. Das klingt ganz nach einem Franzosen. Und nach Frankreich. Merci, les bleus!

(Am Sonntag kommt dann das nächste Kapitel der Reise. Mit der Fähre setzen wir über nach – England. Um in London der Queen zuzuwinken, oder naja, zumindest einen kurzen Blick auf die Gemächer zu werfen…und um festzustellen, ob fish&chips genauso glücklich machen wie französische Törtchen… :)

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