
An manche Orte zieht es einen immer wieder, wegen der Menschen, wegen der Lebendigkeit, der Fremde, der Farben und Gerüche, des Essens, der Natur oder der Schönheit. Bei Nizza kommt vieles zusammen.
Vor genau einem Jahr verbrachte ich nach Jahrzehnten der Abstinenz spontan ein paar Tage in Nizza um an meinen Memoiren zu schreiben – ok, Scherz, Ersteres stimmt, ich war tatsächlich hier – und ich war fasziniert. Von dem Licht, von dem Meer in vier verschiedenen Blautönen, von der Altstadt und vor allem von der Entwicklung von einer ehedem pifigen in eine spannende Stadt. Ich war überrascht, wie sehr diese in den 80gern zwar mondäne aber auch biedere Stadt sich verändert hatte. Neue Viertel sind entstanden, spektakuläre Museen mit moderner Kunst und neue, spannende Veranstaltungsorte sowie eine lang gestrickte, moderne Parkanlage, die nun anstelle von Straßen und dem brachliegenden Bahnhof die Altstadt mit den anderen Vierteln verbindet. Vor allem aber die Gegend hinter dem Hafen hat sich extrem gewandelt, ist zum urbanen Trendviertel mutiert, das die Einwohner „Le petit Marais Niçois“ nennen, in Anlehnung an das Marais Viertel in Paris. Es gibt also sehr viel Neues zu entdecken.


In Nizza werden plötzlich Trends gesetzt (wie multifunktionale Cafes, in denen Kunstobjekte ausgestellt und zum Verkauf angeboten werden, oder Antiquitäten, Venylplatten, Schuhe, Porzellan oder Kleidung oder Restaurants, die Musiker nebenbei zum proben nutzen und Maler, um ihre Bilder anzufertigen und gleichzeitig auszustellen), all das wollte ich dieses Mal zusammen mit Antonia und Helen noch einmal erleben. Es ist aber nicht nur die Stadt selbst, die alte Architektur, die engen Gassen, die Plätze und Parks, die es uns angetan haben, denn was wäre Nizza ohne seinen sieben Kilometer langen Strand! Das Wasser funkelt tatsächlich in den unterschiedlichsten Blautönen, die so unecht und kitschig wirken, dass Antonia anfangs staunte: „Das ist wie in einem Aquarium hier, so klar und so blau.“ Darunter auch ein echtes „le Corbusier-Blau“, das Lieblingsblau des berühmten Architekten.
Auch wenn die Temperaturen noch sommerlich und sehr warm sind – die Brandung ist an manchen Tagen extrem stark und wirft einen immer wieder an den Kieselstrand zurück, eine echte Herausforderung, zum Glück ist das Wasser im Gegensatz zu Ost-und Nordsee überraschend warm und so salzig, dass man – wenn man es einmal in die Fluten geschafft hat – schwimmt wie ein Fisch im…Aquarium. Nizza erweist sich für uns darüber hinaus als so vielseitig, dass eine Woche gerade ausreicht, um das meiste zu sehen und durch die wichtigsten Stadtteile zu schlendern.
Da ich zuletzt vor ca. dreißig Jahren dort war und die Mädchen noch nie, fuhren wir vor ein paar Tagen mit dem Zug ins benachbarte Monaco. Kaum mehr als zwanzig Kilometer entfernt, und doch eine andere Welt! Ich war schockiert beim ersten Anblick, ok, Reiseführer warnen einen vor, indem dort von extremer Bebauung geschrieben wird, in die höhe, nicht in die Breite, ähnlich wie die Yachten, die im hässlichen Hafen vor Anker liegen. Schwimmende Hochhäuser mit Teppich vorm Eingang. Antonia und Helen riefen immer nur: „Wie hässlich ist das denn! Wer kauft sich sowas? Wie peinlich“ usw. Ja, es war kein schöner Anblick, noch hässlicher als die Yachten waren die Hochhaustürme im Stile de Siebziger Jahre und die vielen Autos, die über die engen Straßen dröhnten, und das ohne Formel eins oder Grand Prix oder we auch immer der Wettbewerb heißt, der Monaco neben Grace Kelly so berühmt gemacht hat. Nichts gegen Letzte bitte! Ich habe sie verehrt und war geschockt, ich erinnere eisen Moment noch sehr genau, als morgens vorher Schule in den Nachrichten verkündet wurde, Grace Kelly, Gracia Patrizia von Monaco, sei bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Dass sie nicht depressiv geworden ist in Monaco, wundert mich ein bisschen. Die Gassen der Altsaat sind zugemüllt mit Souvenirshops und „Grace“-Andenken und kaum ein Betongebäude. eine Straße, die nicht nach ihr oder ihren Kindern benannt ist. Nein, Monaco konnten wir wahrlich nichts abgewinnen, aber eines gab es dann doch, was diesen Tag zum absolute Highlight machte: das dortige ozeanische Museum. Das war so spannend, dass wir die Zeit vergaßen und stundenlang die Unterwasserwelt bestaunten.
Zurück in Nizza fühlten wir uns dann tatsächlich wieder wie ein Fisch im Wasser, fast wie zu Hause, in unserem kleinen Apartment mit großer Terrasse. Es macht großen Spaß, nicht nur durch die Stadt zu schlendern und im Meer zu baden, sondern auch: la bouffe! Das Essen. Mon dieux, wie herrlich ist es, hier zu speisen, wie Gott in Nizza, und nicht nur das Essen ist so fantastisch, dass Antonia immer nur stöhnt: „Ich geh mich vergraben!“ (was anscheinend soviel heißt wie: Schmeckt. Mir. Gut. – Oder so ähnlich) und uns die Bedienungen bereits wieder erkennen, wenn wir einen Laden in unserem Lieblingsviertel, dem „Petit Marais Niçois“ betreten (wir gehen nur selten richtig essen, aber das Tolle an Frankreich, ein Grund mehr, dieses Land zu lieben, ist die Attitüde der Franzosen, vor dem Essen einen Apéro einzunehmen. Gerne mit einem „petite assiette de variations“ und diese variations sind jedesmal preiswert und eine wahre Gaumenfreude. Allein deshalb lohnt es sich, wieder zu kommen. Und um die vielen Museen zu besuchen – das nächste Mal, wenn Nizza sein Winterkleid anzieht.

Genau hier haben wir gestanden. Vor dem Thron der Queen, Antonia, Helen und ich. Einen Knicks mussten wir glücklicherweise nicht machen, denn Elisabeth war gerade mit ihren Corgis und/oder ihrem Mann auf einem ihrer Landsitze in Wales oder Schottland, sie war jedenfalls nicht zu Hause. Und hat sich anscheinend gesagt: so wird jedenfalls immer gelüftet, wenn Gäste da sind, und vielleicht hat jemand Lust, auf dem Klavier von Mozart zu spielen? Kurz, wir waren bei ihr zu Hause, im Buckingham Palast, und wir haben jede einzelne Vase in neunzehn der knapp 200 Räume der englischen Königsfamilie bestaunt, auch einen Schreibtisch der Queen mit Geheimfächern sowie Kronleuchter, von denen einer so viel kostet wie eine Vierzimmerwohnung im Eimsbüttel. Wir haben den Speisesaal gesehen, in dem schon Barack Obama seine Suppe mit der Queen gelöffelt hat, den Ballsaal, die Empfangshalle (von der ein Treppenlift abging – ich fragte mich, wer diesen wohl nutzte – die Queen selbst? Oder doch eher ihr Gemahl?), den White Room, in dem die Königin ihre sehr privaten Gäste empfängt, vielleicht ihre Enkelkinder oder doch eher den Gärtner, und eine Art Wohnzimmer mit einem Tisch, an dem schon Napoleon gesessen hatte. Helen atmete immer wieder tief ein und meinte, jetzt habe sie auch königliche Atmosphäre in ihrem Körper und Antonia rief immer nur: „Das glaube ich nicht, dass ich jetzt wirklich hier bin, in einem Palast, in dem die Queen wohnt und William und Harry ein und aus gehen!“ – Gut, hier und da hätte ich mich etwas anders eingerichtet, vielleicht einen Samtsessel raus und stattdessen, sagen wir, ein paar Loungesessel rein, Platz ist ja da… Die Bediensteten brauchen an die fünf Minuten, um eine Speise von der Küche zum Speisezimmer zu tragen, weil der Weg so weit ist, vielleicht serviert man im Buckingham Palast ausschließlich Kaltspeisen?). Was noch auffiel: in keinem der Räume steht ein Billy-Regal. – Im Anschluss durften wir noch in den Palastgarten, wo die Queen jeden Sommer feste feiert, und durch die Parkanlagen (selbst der königliche Rasen litt unter der Hitze, er war fast genauso braun wie der Rasen unserer Datsche) – irgendwann fanden wir schließlich zurück ins Londoner Getümmel.
Der Besuch bei der Queen war ein Highlight von unserem London-Tripp, doch auch schon die Anfahrt nach London war ein Erlebnis. Wir sind von Frankreich aus von Caen auf eine Art Kreuzfahrtschiff gestiegen, mit Kabinen und mehreren Decks, mit einer Bühne und drei Restaurants und waren absolut entzückt. Ich hab mich in mein maritimes Outfit aus Frankreich geschmissen und die Nase in den Wind gehalten. Knapp fünf Stunden später tauchte Englands Küste auf und kurz darauf standen wir mitten in Nottinghill in unserem kleinen Hotel am Holland Park (an dem Kenneth Branagh wohnen soll, ich habe ihn beim morgendlichen Joggen aber nicht gesehen…). Wir stöberte uns auf den Spuren des Films durch die Portobello Road, ließen keinen Laden aus, kauften ein Pfund Himbeeren zu einem Spottpreis und stopften sie uns im Gehen in den Mund, setzen Hüte auf und Masken und machten all das, was „Mädchen“ eben gerne tun (und Jungs manchmal auch). Und natürlich durfte die „blaue Tür“ aus dem Film („Nottinhgill“) nicht fehlen und der Film selbst, den haben wir gleich nach der Rückkehr noch einmal gesehen und immer wieder: „Da waren wir! Kennen wir!“ gerufen.

Thanks London, dass Du uns eine so spannende und schöne Zeit beschert hast – und danke an die Hausherrin, dass sie uns in ihr Wohnzimmer gelassen hat – obwohl sie selbst verreist war. Wir kommen gerne wieder, zu einem Tee vielleicht oder einer kalten Suppe?