vier sind mal welt

WELTREISE ALS FAMILIE – UND DANACH?

Der Flughafen von Siem Reap empfängt uns mit einem Schrein, Pagoden und schwüler Luft. Und einem Grenzbeamten in Uniform, der Frank beim Ausfüllen der Papiere „Tipp Tipp“ entgegen zischelt. Frank denkt, er hätte sich verhört, doch der Beamte wiederholt das Gesagte. Als Frank ablehnt, sortiert der Grenzbeamte betont langsam die Ausweisdokumente und meint, mit Blick auf seinen Computer, das Programm sei leider plötzlich abgestürzt und es würde seeeehr lange dauern…

 

Wir haben Zeit. Das haben wir mittlerweile gelernt: Hektik und Ungeduld machen alles nur noch schlimmer. Die Geduldigen kommen schneller ans Ziel. Also, ich übe noch, bin iregendwie bei Level eins stehen geblieben. Die Mädels und ich holen lieber schon mal das Gepäck, denn wir werden netterweise gleich durchgewunken, Frank hingegen wartet weiterhin auf die Einreisegenehmigung. Und wartet. Irgendwann, nach gefühlten Ewigkeiten und erhöhtem Blutdruck, bekommt er die Einreisestempel und unsere Ausweise zurück. Ob alles richtig abgestempelt wurde, no idea. Aber wir sind in Kambodscha! Endlich. Freuen uns sehr auf dieses Land.Obwohl wir es nur streifen und dabei nur die Haupttouristenattraktion sehen. Was heißt nur! Es ist eine der bedeutensten Orte der Welt. Sagt der Reiseführer.  Ein Weltkulturerbe. Die bis zu 1000Jahre alten Tempel von Angkor, die mitten im Dschungel liegen.

 Vor dem Flughafen wartet bereits unser Fahrer, Reet. Mit der Motorrad-Rikscha bringt er uns in die Stadt von Siem Reap.  Langsam tuckern wir durch die schwüle Hitze, vorbei an Guesthouses, Hotels, Restaurants und Essensständen. Und wie überall in asiatischen Städten: das Leben spielt sich draußen ab. Bloß, dass in diesem Ort die Anzahl der Betten gemessen an der  Einwohnerzahl extrem hoch ist. Die Tempel von Angkor ziehen Touristen aus der ganzen Welt an, ähnlich wie das Taj Mahal oder die ägyptischen Pyramiden.

Am nächsten Morgen kaufen wir einen Dreitagespass für Angkor. Und fahren erst einmal zum berühmtesten aller Tempel, zum Angkor Wat.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

   

 Reet, unser Fahrer wird uns auch die nächsten Tage begleiten. 

Eigentlich wollten wir Fahrräder leihen, aber die Entfernungen zwischen den Tempeln sind zu groß, es gibt außerdem keine Kinderfahrräder und wir haben 32Grad im Schatten. Stattdessen kaufen wir uns lieber Hüte gegen die Glutsonne. Angkor hatte einst Ausmaße wie heute New York, es war eine Großstadt in der mehr als eine Milion Menschen lebten. Viele Mauern sind mittlerweile eingestürzt und die Tempel drohen zu verfallen, denn sie werden zu Tode geliebt, bestaunt und berührt von den Besuchern. Auch wir fassen die Steine an, die Kinder streichen staunend über die fantastischen Zeichnungen der Tempeltänzerinnen und immer wieder stellen sie sich in Pose und ahmen deren Positionen nach. Ein Spiel, das großen Spaß macht. 

 

 

In Deutschland würde niemand auf die Idee kommen, Touristen durch ungesicherte Ruinen gehen zu lassen, bei denen man Gefahr läuft, jederzeit von einem hérbfallenden Koloss aus Stein erschlagen zu werden. In Deutschland herrschen insgesamt andere Sicherheitsvorkehrungen, die einem aus der Ferne betrachtet lächerlich erscheinen. Aber das ist ein anderes Thema.

Als wir unseren Fahrer fragen, welches Restaurant er uns empfehlen kann, wobei – Restaurant im Dschungel heißt nicht Restaurant wie in Deutschland bestehend aus Wänden, Küche und Speisesaal, die Restaurans in Angkor bestehen aus einer Zeltplane mit kleiner Kochstelle – Reep also lächelt und sagt: „Same Same.“ Als wir ihn fragen, ob wir lieber zuerst in östlicher Richtung fahren oder eine andere Strecke, wieder dieses Lächeln und: „Same Same.“ 

Er möchte, dass wir am liebsten jeden der ca 1000 Tempel und Dörfer sehen, bloss fehlt uns dafür die Zeit. Die Kambodschaner sind sehr stolz auf ihre Tempel. Zu Recht. Aber was sollen wir machen, das Gebiet ist einfach zu groß. Als wir sagten, wir würden ja gerne die große Tour machen, aber auf einige Anlagen verzichten, ist seine Antwort ein Schulterzucken: „Long Tour, no see.“ Nach einigem Hin-und Her einigen wir uns darauf, die für uns wichtigsten Tempel  und Häuser anzufahren und seine Tour ein ganz klein bisschen abzukürzen. Daraufhin er: „Ok. Same same, but different.“ 

 

Frank und ich brechen am nächsten Morgen um 5Uhr zum Sonnenaufgang nach Angkor Wat auf. In einer Karavane von unzähligen Motorrad-Rikschas. Zusammen mit mehreren hundert anderen Angkor Bewundereren pilgern und stolpern wir im Stockdunklen zum Tempel. Man steht in Dreierreihen am See, baut Stative auf, verteidigt seinen Platz und wartet auf die Sonne. Frank und ich trinken derweil einen Kaffee und beobachten das Spektakel aus der Ferne. Die Szenen am Rande sind eh spannender als der Sonnenaufgang. Und das alles sogar ohne Verstecken spielen in den Ruinen oder Rollenspiele, denn die Mädchen sind ausnahmsweise mal nicht dabei.

 Der Tempel „Ta Prohm“, von gigantischen Baumwurzeln überwucherte Ruinen, mitten im Dschungel gelegen, ist einer der beeindruckensten. Leider finden das auch andere, lustige Reisegruppen von Japanern zum Beispiel, die sich alle vor dem Angelina Jolie Baum fotografieren lassen, denn hier turnte Angelina Jolie im Film „Tomb Raider“ herum. Und was machen wir?

Posen auch. Naja…aber: sind wir nicht alle nur Menschen? – Eben.

  

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 Zum Glück kann man den Massen entgehen, wenn man einfach mal „abbiegt“. In einen dunklen Gang oder quer durch den Dschungel zu einem kleineren Tempel, der nicht minder beeindruckend ist. 

Am Abend fahren wir auf den Night Market, wo überall auf den Straßen gekocht wird. Es lodert, brutzelt und zischt allerorten. Da wir kurz zuvor von Freunden, die sich um das Zeugnis und die Anmeldung an der weiterführenden Schule kümmern,  Antonias Zeugnis übermittelt bekommen haben, darf sie sich zur Feier des Tages ein Restaurant aussuchen. Und was wählt Madame?  – Das einzige französische Restaurant am Platz. Von wem sie diese Vorliebe wohl hat…

Den Mädchen gefällt Kambodscha, bzw. der kleine Ausschnitt von Kambodsch, den wir zu sehen bekommen, sehr gut. Das mag an den netten Menschen liegen. Auch unsere Guesthouse-Besitzerin ist so warmherzig und sympathisch, dass sie den Kindern jeden Tag ein Kaltgetränk oder Knabberkram hinstellt, außerdem Spielzeuge besorgt und immer die Nähe sucht, um mit uns zu plaudern. Am Ende umarmen wir uns und bedauern wirklich aufrichtig, sie, Reed, die nette Unterkunft und das Land verlassen zu müssen. Das mag auch daran liegen, dass sich auch hier alles draußen abspielt. An den Stehklos un manchmal undefinierbaren Gerüchen liegt es sicher nicht.

Afrika und Asien liegen nun hinter uns. Morgen geht es nach Sydney. In die westliche Welt, in eine Welt die wir kennen. Die Mädchen dürfen wieder jedes Eis essen und überhaupt alles worauf sie Lust haben. Sie dürfen nach Wochen der Enthaltsamkeit wieder Hunde streicheln. Mit Leitungswasser Zähne putzen. Im sitzen pinkeln. Im Restaurant Speisen die sie kennen undund mit Messer und Gabel essen (die Kambodschaner benutzen keine Messer), keine frei laufenden Hühner oder Ziegen beim Essen, keine Kühe auf der Straße und abruptes Abbremsen, keine Armut, keinen Dreck, keinen Müll mehr. Und?Freut  uns das? Sind wir erleichtert? – Nein. Wir sind alle etwas wehmütig. Keine Buddhas mehr und Räucherstäbchen, keine Kühe, Elefanten und Ziegen auf der Straße, kein Haare waschen vorm Haus, keine Busse mehr gemeinsam anschieben, keine Mönche, keine Speisekarten und Speisen, die man nicht kennt und versteht und dann überrascht wird (im positiven und negativen…), keine…ach, ich höre auf. Bringt ja nix. Wir müssen weiter.  Auf jeden Fall wird es  ab sofort guten Kaffee geben. soviel ist gewiss.  Aber ach….Und was sagen die Kinder? Sie winken nochmal aus dem Flugzeug: „tschüss Kambodscha!“ Es klang – fröhlich. Aber nicht erleichtert. 

 Wir fliegen also weiter, zum nächsten Teil unserer großen Reise.  Das Wort  Weltreise  benutzen Frank und  ich so gut wie nie, zumindest bisher nicht. Es klingt fast pervers angesichts der großen Armut die in den Ländern die wir bisher bereist haben. Wenn wir sagten, wir sind nur xy Tage vor Ort, weil wir noch etwas weiter reisen würden, herrschte schon Schweigen.  Auf „noch weiter“ folgte die Frage der Einheimischen: „Wohin denn“ und wenn wir dann mal erwähnten, dass wir noch viele Länder bereisen oder sogar einmal um die Welt fliegen, kam ein Schrei, Ausruf, Erstarren. Aber auch ein ehrlich gemeintes Mitfreuen und ein tiefes Seufzen. Wir haben es also beide in unangesprochener Weise im stillen Einvernehmen vermieden, das Wort.  Die meisten Menschen, die wir getroffen und kennen gelernt haben, haben noch nie ihr Dorf verlassen. wie soll man da erklären, dass man die Welt umrundet. Ab Australien können wir sicher offener sein.

Eigentlich dachten wir, dieser erste  Teil der Reise, Afrika und anschließend Asien, mit sehr vielen Ortswechseln und immer wieder neuen Eindrücken, seien so anstrengend, dass wir danach nur noch den Liegestuhl wollen. (Und Australien im Campervan dann gerade recht kommt zur Erholung). Nun ist es aber so, dass wir ein bisschen wehmütig sind, Asien zu verlassen und uns quasi in die Komfortzone zu begeben. Sydney wird sicher großartig, ganz bestimmt, wir treffen dort auch Franks Onkel, und die Nationalparks auf dem Weg nach Brisbane sind sicher fantastisch, die Kängurus lustig anzuschauen, aber vor allem wohl danach die Natuerlebnisse und die Menschen (wie wir schon mehrfach gehört haben) in Neuseeland. In Australien und Neuseeland werden wir dann sicher wieder Deutsche treffen, bisher war das auf der gesamten Reise nur dreimal der Fall. Deutsche Laute hören, so dass Helen heute ihren Kopf reckte und ganz aufgregt sagte: „Ich habe Deutsche gehört!“ 

Tschüss Asien! Du hast uns so viel gegeben. Wir kommen wieder.

Der nächste große Teil der Reise beginnt. Same same. But different…

 

 

Bis eben fühlten wir uns ein bisschen wie im Knast – denn beim Einchecken im Hotel vor drei Tagen wurden uns die Pässe abgenommen. Und nicht mehr zurÜck gegeben. Sondern mit einem Gummiband versehen und in eine Schublade geworfen. Wir könnten Kopien unserer Pässe haben, teilte uns die Hotelmanagerin mit strenger Mine mit. Wir kochten vor Wut, es half alles nichts. Eben habe ich die Hotelrechnung bezahlt – wir haben late check out heute und gehen noch einmal in den Pool – doch die Pässe bekam ich erst nach dreimaliger Aufforderung. Gelangweilt gab man mir zunächst einen russischen Ausweis. Danach erneut zwei mir unbekannte Pässe. Es wurde in Schubladen gewühlt. Wortlos bekam ich schließlich unsere Ausweise ausgehändigt.

Als ich die Hotelflure fotografierte, hörte ich Schritte auf der Treppe. Ein Mann in beiger Uniform stellte sich in eine Ecke. Ich wechselte die Etage, doch kurz darauf war der Mann plötzlich wieder da. – Wir packen jetzt die Sachen und die Vorfreude auf Kambodscha wächst minütlich. Benjamin Prüfer beschreibt es so bildhaft und liebevoll in seinem Buch, auch er ist mit Vietnam anscheinend nie vertraut geworden. Aber vorher springen wir noch einmal in den Pool…

Wir sind im Sozialismus gelandet – und im Paradies. Im Sozialismus, weil die Betonbauten an der Küste, die meterhohen Statuen, die Uniformen der Männer, die ernsten Gesichter, die zum Teil gespenstische Leere  in den Orten an Bilder aus Korea oder China erinnern. Im Paradies, weil wir ein französisches Restaurant entdeckt haben! Und so sehr geschlemmt und immer wieder geseufzt bei jedem leckeren, fetten Bissen. (Butter an der Soße! Ja, mehr davon! Die Franzosen wissen einfach, was gut schmeckt, mais oui!). Heute waren wir noch einmal dort und Antonia meinte glücklich: „Ich könnte in der Soße baden!“ Haben anschließend hausgemachte Mousse au chocolat und Creme brulee gegessen und anschließend eine von Hand gefertigte Praline nebst Cognac genossen. (Ich gucke ja peinlicherweise immer erst auf die Dessertkarte in solchen Restaurants, denn das Dessert ist für mich die Kür).

Ich gebe zu, so was gehört sich nicht für Weltreisende, Hardcore-Traveller würden uns  sicher einen Vogel zeigen, aber dieser Cognac nach Wochen war delicieux! Derartige Ausgaben jenseits von Straßenständen und vegetable curry sprengen natürlich das Reise-Budget, aber eine Reise ohne gutes Essen ab und zu, ohne gute dunkle Schokolade kriegte ich wohl hin, will ich aber nicht. Und wenn ich unterwegs auf ein französisches Restaurant treffe, muss ich da rein! Zumal dann, wenn es von einem Franzosen geführt wird und hausgemachte Pralinen anbietet. Und was hat das Ganze, incl. Rotwein und Dessert und Digestiv und Mahl für die Kids gekostet? Vierzig Euro. Für uns alle. Et voila.

Von Freunden werden wir manchmal gefragt, ob wir denn ab und zu Heimweh hätten. Nein. Heimweh nach Hamburg haben wir alle nicht. Auch Antonia nicht, sie will weiterreisen, obwohl sie noch niemanden in ihrem Alter kennen gelernt hat bisher. Das wird sich in Neuseeland vielleicht ändern. Hamburg lockt gerade nicht, schon gar nicht das Wetter, wie uns Freunde seit Wochen und seit unserer Abreise vor acht Wochen berichten, per Mail haben wir Kontakt und  ab und zu per Telefon. Und wir wissen ja: wir kommen zurück. Haben aber noch – welch großes Glück – dreieinhalb Monate und Abenteuer vor uns, hurra!

Noch mal kurz zurück ins Hier und Jetzt und in den Norden Vietnams, in die Halong Bucht. Hanoi hat uns gut gefallen, die vielen Garküchen, die Tempel, das Leben auf den Straßen und – wie kann es anders sein – das französische Viertel. Per Bus und das Gepäck zum Teil auf den Knien fahren wir drei Stunden Richtung Halong Bucht.

 

Vorher hatten wir uns eingehend erkundigt, welches Boot wir nehmen für die Übernachtung in dem riesigen Gebiet, denn nur für einen Tag ist es sinnlos, die Bucht zu besuchen und so entscheiden wir uns für eine bekannte Reederei. Vor Ort selbst kann man die Schiffe nicht begutachten, denn sie liegen alle auf Reede, zumindest jene, die Kabinen haben. Nach den Prospekten kann man auch nicht gehen, denn merkwürdigerweise zeigen alle dieselben Fotos, egal ob der Trip 40 US Dollar oder 400 kostet. Die Range ist denn auch gewaltig, reicht von Ratten an Deck und halbgaren Chicken Mc Nuggets als Verpflegung bis zur Suite mit Balkon und Liegestuhl und Mehrgänge-Menu.

Vor den Schiffen zu Schnäppchenpreisen wird nicht nur wegen Ratten und Kakerlaken als Mitreisende immer wieder eindringlich gewarnt, sondern vor allem deshalb, weil in den letzten Jahren mehrere dieser alten Kähne gekentert sind und untergegangen wie ein Stein ( wir haben darüber bei der Vorrecherche schaurige Geschichten u.a. im „Spiegel“ gelesen. Alle Touristen an Bord sind jedes Mal ertrunken, bis auf einen Mann, der sich noch retten konnte. So ein Kahn säuft wohl innerhalb von Sekunden ab…).

Wir wählten also eine mittlere Preisklasse. Und ein Komplettpaket: Busfahrt, Vollpension an Bord, zusätzlich Übernachtung auf einer Insel in der Halong Bay, Tracking incl. Rückfahrt nach Hanoi. Diese Art des durchorganisierten Reisens, für uns normalerweise  eine fast alptraumhafte Vorstellung, und dann noch all inclusive buchen, erweist sich in diesem Fall als extrem angenehm. Überraschend nett sogar! Denn wir sind insgesamt nur vierzehn Leute an Bord und unsere Kabine mit dunklem Holzboden, warmer Dusche und großem Fenster mit, ha, Meerblick (kleiner Scherz), ist extrem gemütlich. Die Mädels sind happy und wollen fortan immer in einer Kabine auf einem Schiff nächtigen. Hm.

Zudem hat das Schiff ein großes Sonnendeck mit Holzliegen.

Dort lernen wir Guillaume kennen, einen der zehn anderen Mitreisenden, und es ist irgendwie so, als kannten wir uns schon immer. Geht ihm wohl auch so, denn er setzt sich beim Essen zu uns an den Tisch. Ein sehr entspannter, netter Typ aus Quebec in Kanada, der im ältesten Ort des Landes  zusammen mit seiner Lebensgefährtin einen Coffeeshop betreibt. Mit ihm werden wir uns in diesen drei Tagen viel unterhalten, sehr viel zusammen lachen und am Ende denkt man: Schade, dass man sich trennen muss. Am Schluss erzählt er noch, dass gute Freunde von ihm aus Vancouver kommen und er sie nach seiner Rückkehr nach einem für uns perfekten Ort dort fragen will. Und so – per Mail zumindest – behalten Frank und ich  dann doch noch Kontakt zu Guillaume.

Manchmal trifft man Menschen, die man auf Anhieb ins Herz schließt und bei denen sich alles richtig anfühlt, unabhängig von Herkunft oder Kulturkreis. Es mag am offenen Blick liegen, am Ungekünstelten. Nach der Begegnung mit Guillaume haben Frank und ich noch überlegt, woran es wohl liegt, dass es sich bei einigen Menschen irgendwie richtig anfühlt und man bei anderen auf Abstand geht. Warum auch immer – Begegnungen mit Menschen wie Guillaume sind auf jeden Fall eine Bereicherung und deuten an, dass man sich an vielen Orten dieser Welt heimisch fühlen könnte, allein schon, weil man dort Menschen kennt, mit denen man sich einfach wohl fühlt.

Die Bootstour in der weltberühmten Halong Buch, die das Siegel „Weltkulturerbe“ trägt und zudem durch einen James Bond Berühmtheit erlangte, ist trotz Nebels ein Erlebnis, das wir sicher nicht vergessen werden. Die Fahrt führt vorbei an mehreren hundert dschungelartig bewachsenen Kalksteinfelsen, die bis zu 300 Meter hoch aus dem Meer ragen. Das Ganze auf einem Gebiet von insgesamt 1500qm. Da wird man beim Sonnenuntergang ganz ehrfürchtig und still.

Am nächsten Morgen wechseln wir das Boot und schippern weiter Richtung Insel Cat Ba. Der Bus, dessen Unterboden von Löchern durchsiebt ist, will nicht. Also anschieben. 

Auf Cat Ba sind wir fast die einzigen Touristen, es ist gespenstisch leer. Guillaume ist in einem anderen Hotel untergebracht, und wir erzählen uns am Abend, als wir ihn im einzigen ansprechenden Cafe des Ortes treffen, dass wir jeweils alleine in riesigen Restaurantsälen unserer Hotels gegessen haben, so dass man das eigene Kauen hören konnte.

Nach dem Aufenthalt auf Cat Ba fliegen wir am Abend weiter in den Süden. Und fühlen uns wie in einem Film von Monthy Python. Im Bus fahren wir dreieinhalb Stunden von Ho Chi Minh an die Küste. Obwohl der Bus rappelvoll ist, steigen immer mehr Leute zu. Im Hintergrund läuft eine Musikschleife, ein gesäuseltes, verkitschtes vietnamesisches Lied. Immer wieder. Dreieinhalb Stunden lang. Dasselbe Lied. Hätte ich eine Knarre gehabt, ich hätte aufs Radio geschossen. Wir sind die letzten Fahrgäste im Bus. Fahren vorbei an Industriegebieten und Bars. Urgendwann steigt der Kollege des Busfahrers aus, der das gleiche orange farbene T-Shirt trägt wie der Busfahrer. Er hält seine Hände von sich gestreckt als seien sie voller Blut, wankt über die Straße ob vor Schmerz oder Wahnsinn, wir wissen es nicht, der Busfahrer lacht hysterisch. Dann gehen die Bustüren wieder zu und wir fahren weiter in Dunkelheit.

Unser Hotel ist fast unbewohnt. Lange, leere Flure, Treppen und wieder Gänge mit unzähligen Türen. Wer rein will, muss erst einmal eine gigantische Treppe erklimmen, denn wie bei vielen Gebäuden im sozialistischen Vietnam befindet sich der Eingang und das Zentrum der Macht hoch oben. Wie fast überall in Vietnam, spricht auch hier kaum jemand Englisch. Stattdessen: Schulterzucken oder stures Starren. Kafkaesk, fast. Eine Nachttischlampe? – Schulterzucken. Ein kaltes Bier? – Starren. Frühstück – gibt es von 6h bis 9h. Als wir um 8.30h den Saal betreten, werden die Säfte weggeräümt, ebenso das Baguette und es gibt als letzten Rest am Buffet Reis mit Rind. Der Kellner zeigt auf seine Uhr.  Wieder dieses starren. Wir sind zu spät, sagt sein Blick. Als Frank laut wird, ziemlich laut, eilt der Kellner los und holt Brot, Eier und Obst. Frank lächelt, der Kellner lächelt, Friede.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Mit Vietnam sind wir nicht so richtig warm geworden. Der Norden war eindrucksvoll, vor allem die Halong Bay, aber insgesamt fehlen die Farben. Die Wärme (im übertragenen Sinn, denn hier sind aktuell 30 Grad) und die Menschlichkeit. Statdessen: riesige Beton-Bauten, meterhohe Statuen, Helen wird hier zweimal von Männern fast weggerissen, wir konnten kaum gucken, so schnell ging es, einmal im Gewühl von Hanoi, einmal heute am Strand, dabei wurde sie sehr hart am Arm gepackt, wir sind entsetzt und sprachlos. Wir freuen uns im Moment sehr auf Kambodscha, das sowohl landschaftlich als auch von der Mentalität der Menschen her ganz anders sein. Benjamin Prüfer beschreibt es in seinem tweitem Buch sehr eindrücklich.

Was in Vietnam deutlich wurde: das Reisen an sich, das heißt, die Fortbewegung von A nach B, sei es im Taxi, Bus, Bahn oder Boot, oft beschwerlich, aber aufgrund der vielen Eindrücke unterwegs, bleibt unvergesslich. Und macht eine Weltreise so besonders. Der Eintritt in immer wieder neue Welten, Mentalitäten, Farben, Gerüche, Sprachen, Währungen, die Begegnung mit fremden Menschen, die wir manchmal nicht nur verbal nicht verstehen. Und dann die kleinen Gesten, die einen zum lächeln bringen. Unser vietnamesischer Guide, der uns nach Halong und aufs Schiff begleitete, kümmerte sich rührend um Helen. Als wir im Bus fuhren, Helen schlief auf meinem Schoß, Frank, Antonia und Guillaume saßen hinter uns und ich hörte nach langer Zeit mal wieder Musik, Dörfer und Reisfelder glitten vorbei und der Guide rückte Helens T-Shirt zurecht, das hoch gerutscht war. Eine liebevolle Geste, nicht mehr und nicht weniger. Und doch, ein perfekter Moment.  Alles fühlt sich richtig an. Dazu das Glück, gemeinsam die Welt bereisen zu können. Mit kafkaesken Erlebnissen.