vier sind mal welt

WELTREISE ALS FAMILIE – UND DANACH?

Gefühlt sind wir seit Wochen unterwegs, obwohl es erst achtzehn Tage sind. Jeder Tag  ein Mini-Abenteuer bisher. Normalerweise wäre eine Reise jetzt zu Ende. Dass wir morgen nicht nach Hause, sondern weiter nach Singapur in eine völlig neue Welt fliegen, kommt uns noch sehr unwirklich vor. Und wir stellen fest, sobald wir auf Nachfrage „wie lange bleibt Ihr noch in Kapstadt?“ erwähnen, dass wir nicht nur durch Südafrika reisen, sondern einmal um die Erde, unterbrechen die anderen ihre Tätigkeiten, beachten ihr Baby nicht mehr, lassen den Ehemann stehen und verdrehen die Augen, fangen an zu seufzen, träumen, erzählen von sich selbst und ihrer Jugend. Es ist, als würde man bei dem Wort „Weltreise“ eine bisher verschlossene Tür öffnen.

Auf einer Weltreise verändern sich zwangsweise die Prioritäten. Und die Rituale. „Tatort“ fällt flach, Quoten sind Wurscht, deutsche Innen-Politik kein Thema, aber dass Udo Jürgens gestorben ist, haben wir mitbekommen. Und kurz geschwiegen. Großer Mann. Ansonsten tauchen wir ein ins südafrikanische Leben. Und stellen fest, Weihnachten wird hier anders zelebriert. Uns sehr recht, denn deutsche Weihnacht ist weit weit weg.

Eigentlich wollen wir Heiligabend kurz an den Strand. Doch dann schiebt sich eine dunkle Wolke über den Tafelberg und hängt da fest. Es tröpfelt. Also zurück. Umdisponieren. Weihnachtsluftballons aufblasen (gehören hier dazu), erste Christmas Cracker testen und kurz in den Pool, weil eine Stunde später die Sonne wieder da ist. Normalerweise läuft Weihnachten bei uns ritueller ab. Am Vorabend von Heiligabend hätte ich die Nordmanntanne geschmückt, dabei einen kitschigen Weihnachtsfilm gesehen und nebenbei den Fond für die Gans köcheln lassen. Ich hätte letzte Geschenke eingepackt, Frank die Lichterkette und ein paar Kerzenhalter angesteckt. Und wir wären spät abends völlig erledigt und dennoch irgendwie zufrieden ins Bett gefallen. Same procedure.

Hier, entspannt  auf einer Liege im Halbschatten, erscheinen die üblichen Weihnachtsaktivitäten fast absurd. Muss es denn wirklich immer so ein Aufwand sein? Mit selbst gebackenen Keksen, drei Gänge Menü, Kindergottesdienst, Gesang zu Hause, Präsenten für Freunde, Weihnachtspost und all dem Drumherum. Kann es nicht mal eine Nummer kleiner sein? Der Baum zum Beispiel. Frank schlägt jedes Jahr eine stark reduzierte Form von Nadelgewächs vor, aber nach Hause schleppen wir Jahr für Jahr  einen Weihnachtsbaum wie bei den Waltons, imposant, vom Boden bis zur Decke,erhaben. Frau setzt sich durch in diesem Fall. Die Mädchen und ich wählen mit kleinen Tricksereien den größten Baum und ich freue mich wie ein Kind. Also, ein großer Baum muss sein – wenn wir zu Hause in unserer Heimat sind.

Hier aber muss grad nix. Und das ist – herrlich. Ziemlich fantastisch sogar. Kein Weihnachtssehnsuchtsschmerz. Im Gegenteil. Unser „Baum“ stammt aus dem Township, von Hand gefertigt aus Draht mit Plastikperlen. Und winzig. Die Parodie der üppigen Nordmanntanne. Dazu vier Minikerzen. Und ein paar Geschenke gibt es auch. Die hat der Weihnachtsmann tatsächlich auf der Terrasse hinterlegt. Als ob er wissen würde, dass wir draußen feiern.

Die Südafrikaner feiern Weihnachten am 25.12. mit einem großen Essen oder hier in Kapstadt gern auch mit einem von einem der unzähligen Weingüter organisierten Picknick auf einem Weingut.  Heiligabend gibt es hingegen eine fette Party. In Hout Bay, wo wir wohnen, befindet sich direkt gegenüber auf der anderen Seite des Hafens ein Township. Von dort wummern die Beats zu uns herüber. Statt „Stille Nacht“ die Sounds der Schwarzen. Wir vermissen nichts. Tiefenentspannt wie sonst selten an Weihnachten.

Unsere Sorge, dass die Mädels ihr traditionelles Weihnachten vermissen würden, erweist sich als unbegründet. Heiligabend bei 25Grad heißt, den Tag mit Plantschen im Pool einzuläuten. Danach Luftballonspiele. Um anschließend unter Jingle Bells Klängen in einem neuen, hippen und sehr edlen Supermarkt für das Weihnachtsessen einzukaufen. Die Männer dort tragen Hemd und Loafers (die älteren) oder edles Shirt mit Flip Flops (die Hipperen). Die Frauen teure luftige Designerkleider oder einteilige Anzüge, Onepeaces. Zum einkaufen stylt man sich. Denn man kennt und grüßt sich. Alle sind spindeldürr. Im Vergleich zu den sonstigen weißen Südafrikanern, die oft recht beleibt sind. Wenn mal zu Fuß gegangen wird, schleppt man sich eher als dass man geht. Eine dürre Frau im Edelsupermarkt greift mit beherztem Griff zum Veuve Cliquot. Schiebt mich beiseite und packt acht Flaschen von dem Edelgesöff in ihren Einkaufswagen. Danach noch fünf Flaschen teuren Wein und Trüffelpastete. Wir bestellen uns Cappuchino to go am Kaffeestand. In Südafrika soll niemand an Kafeedurst sterben, in jedem guten Supermarkt gibt es einen ausgezeichneten Coffeeshop. So schlappt man mit seinem Latte oder Cappu to go durch den Laden und packt nebenbei das Essen ein, während vor der Tür die Menschen vor sich hin vegetieren. Das ist

Am Tag vor Heiligabend das Kontrastprogramm. Wir haben wir mehrere Stunden lang Langa, das älteste Township Kapstadts, besucht. Für Antonia und Helen eine ziemliche Herausforderung. Familien zu sehen, die zu zehnt seit vielen Jahren in einem stickigen Container leben, Kinder, die sich um eine Wasserflasche streiten und Hütten, die mit Gittern verrammelt sind und nur einen Schlitz zum Handdurchreichen haben, weil sie etwas Essbares verkaufen. Das war erst einmal schwer zu erfassen. Hinzu kam der mit Fellen behängte Heiler in einer nach Kräutern riechenden muffeligen Hütte und die doch sehr ungewöhnliche Zubereitung von Schafsköpfen. 

Kapstadt besteht aus nur einem winzigen aber dafür sehr dominanten Teil aus Weißen. Die meist sehr gut situiert sind. Und sich komplett abschotten. Viele von ihnen wünschen sich die Apartheit zurück. Wohingegen die Townships  fast geschwürartig immer weiter wachsen. Hoffnungslosigkeit und Armut allüberall. An manchen Orten wie im checken Camps Bay kriegt man davon kaum etwas mit. Man kann vielleicht sogar in Kapstadt sein, ohne all das Elend zu sehen. Zumindest die mit Menschen voll gestopften Minibusse müssten einem auffallen. Und die Menschen, die immer mal wieder auf dem Bürgersteig liegen. Nicht mehr gebraucht. Wie weg geworfen. Und die Wächter, die Autos bewachen und auf etwas Geld oder Essbares hoffen. Gestern bat uns einer um Brot. Wir kauften einen Laib auf dem Rückweg zum Auto. So schön Kapstadt ist, dieses fantastisch, ständig wechselnde Licht, die spektakulären Küsten, die imposanten Berge, so kalt und abstoßend ist es manchmal auch. Für die Menschen die hier leben, ist die extreme Kluft von Arm und reich scheinbar Normalität. Für uns, als Außenstehende, wirkt das Ganze oft zynisch. Wie ein Abbild der dunklen Seite der Welt. Antonia und Helen haben jetzt den anderen, den viel größeren Teil der Bevölkerung und deren Lebensumstände zumindest intensiver wahrgenommen, um einen winzigen Eindruck davon zu bekommen, auch wenn sie natürlich viel lieber ans Meer gefahren wären statt drei Stunden bei sengender Hitze zu Fuß durch ein stickiges Township zu laufen…

 

 

Nach diesen Eindrücken sind wir zur kurzen Aufhellung der Gedanken zum Pinguinstrand gefahren. Wenn es Tiere gibt, die einen zum Lachen bringen, dann diese watschelnden kleinen Kreaturen.

Helens Blick

Helen entdeckt Jesus im Garten. Und vieles mehr, das uns entgeht.

 

 

Kapstadt – ein Faszinosum. Nicht nur das Wetter, das Licht, die  Landschaft, vor allem die Menschen.

(Mehr Schnappschüsse siehe Galarie).

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3 Gedanken zu “Afrikanische Weihnachten

  1. Bea sagt:

    Wir wünschen Euch einen guten Rutsch und noch viele tolle Wochen!!

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  2. Thomas sagt:

    Frohe Weihnachten, Ihr vier Weltbereiser. In Südafrika und ganz besonders in Kapstadt habe ich es genauso empfunden: Die Schere geht viel weiter auseinander als in Namibia oder Botswana. Schön, dass Ihr auch ganz bewusst solche Erfahrungen sucht! Guten Rutsch und Liebe Grüße, Thomas

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    1. Katja sagt:

      Hallo Ihr Lieben. Fröhliche Weihnachten in Capetown. Eine sehr schöne und traurige Geschichte zugleich. Diese Eindrücke werden hängenbleiben.
      Gute Reise nach Singapur. Es grüßt Katja aus -2,3 Grad in Hamburg

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